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TL;DR
- The Prosperitist ist eine Website im Zeitungsstil, die ich im August 2026 gestartet habe. Jede Geschichte nimmt eine verbreitete Behauptung ernst und prüft sie an Primärquellen. Jede Geschichte erscheint auf Englisch und auf Deutsch.
- Die Pipeline: Ich sammle Ideen. Ein sorgfältig geschriebener Claude-Code-Skill recherchiert das Thema, schreibt den Artikel, prüft die Fakten, sucht Fotos mit sauberer Lizenz und übersetzt das Ergebnis ins Deutsche. Ich lese beide Ausgaben gegen, prüfe die Quellen und stelle die Geschichte online.
- Recherche und Schreiben sind massiv billiger geworden. Die Pipeline findet Primärquellen, für die ich nie die Zeit gehabt hätte. Die Ergebnisse sind spannend, und die Artikel lesen sich überraschend gut.
- Layout-Arbeit kostet praktisch nichts mehr. Ein eigenes Design, eine Suche, eine zweite Sprache: Das waren früher jeweils Tage an Entwicklerzeit.
- Das Setup ist absichtlich langweilig: Markdown und Hugo, Claude Code mit einer CLAUDE.md und zwei Skills, git und Push-to-Deploy.
- Die Grenzen sind real: lange, sperrige Sätze, ein Deutsch, das korrekt, aber nicht flüssig ist, und Artikel, die gekürzt werden müssen. Korrekturlesen durch einen Menschen bleibt Pflicht.
Vom AI-Newsfeed zu The Prosperitist
2023 habe ich den AI-Newsfeed gebaut: eine Website, die Daten einsammelte, von GPT-3.5 Artikel schreiben ließ und sie veröffentlichte, ohne dass ein Mensch draufschaute. Mein Fazit damals: “KI wird nie in der Lage sein, großartige journalistische Recherche zu aktuellen Themen zu ersetzen.”
Für tagesaktuelle Nachrichten mag das noch stimmen. Für Recherche zu einer gut gestellten Frage sehe ich das inzwischen anders. Auch der Aufbau ist ein anderer: Bei The Prosperitist steht an beiden Enden der Pipeline ein Mensch, und die KI erledigt die schwere Arbeit dazwischen.
Was The Prosperitist ist
The Prosperitist ist eine kleine Online-Zeitung. Sie berichtet über Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, Deutschland, Gesellschaft, Köpfe und Geschichte. Die meisten Geschichten folgen demselben Muster: eine Behauptung ernst nehmen, ihre stärkste Fassung suchen und sie dann an den Zahlen prüfen. Am Ende steht, wo sie trägt und wo nicht.
Die Regeln sind streng. Jede Zahl, jedes Zitat und jedes Studienergebnis bekommt eine Fußnote. Die Fußnote verweist auf die Studie selbst oder auf die Tabelle des Statistikamts, nicht auf einen Zeitungsartikel darüber. Die Grafiken sind von Hand als SVG gezeichnet, die Datentabelle steht darunter. Und jede Geschichte erscheint auf Englisch und auf Deutsch.
Drei Geschichten sind bisher online:
- Neun Jahre für eine Wohnung handelt von der Mietregulierung. Berlin hat 2020 die Mieten eingefroren, und binnen weniger Wochen sank die Zahl der Wohnungsanzeigen um mehr als die Hälfte. In Stockholm, wo die Mieten seit dem Krieg niedrig gehalten werden, wartet man heute im Schnitt neun Jahre auf eine Wohnung.
- Sechs Stunden Luftfahrt handelt von SpaceX’ Starship und dem Klima. Ein Start stößt etwa so viel CO2 aus wie sechzehn Transatlantikflüge. Alle bisher in den USA genehmigten Starts zusammen, 145 im Jahr, stoßen so viel aus wie die weltweite Luftfahrt in rund sechs Stunden.
- Nichts den Gütern Anhaftendes ist ein Porträt des Ökonomen Carl Menger. Selbst sein Geburtstag musste geprüft werden: Das meistgedruckte Datum stammt aus Hayeks biografischem Aufsatz von 1934, und es ist falsch.
Der Umfang nach sechs Wochen (der erste Commit war am 18. August 2026): 54 Geschichten, rund 180.000 Wörter auf Englisch, knapp 1.400 belegte Quellen, 207 Grafiken und 15 Fotos. Eine typische Geschichte hat etwa 3.000 Wörter und zwei Dutzend Quellen.
Die Pipeline
Schritt 1: Ideen (der Redakteur)
Ich sammle ständig Ideen. Eine Behauptung beim Abendessen, ein Tweet, eine Studie, eine Schlagzeile, die zu schön klingt, um wahr zu sein. Alles kommt auf eine Liste.
Wie gut die Idee formuliert ist, macht einen großen Unterschied. “Schreib etwas über Mietregulierung” ergibt einen beliebigen Text. “Mietregulierung soll Mieter schützen - tut sie das, und wer zahlt dafür?” ergibt eine Geschichte. Je klarer ich die Frage stelle, desto besser wird der Artikel.
Schritt 2: Der Skill erledigt die schwere Arbeit
Das Herzstück ist ein Claude-Code-Skill namens write-new-article. Er ist eine einfache Markdown-Datei mit etwa 200 Zeilen. Er erklärt nicht, wie man schreibt. Er legt die Reihenfolge der Arbeitsschritte fest und nennt die Prüfung, die bestanden sein muss, bevor der nächste Schritt beginnt:
- Dublettenprüfung. Gibt es das Thema schon im Archiv? Dann anhalten und mich fragen.
- Recherche. Recherche-Agenten holen Primärquellen (Fachartikel, statistische Tabellen, Gerichtsurteile, Parlamentsdrucksachen) und speichern jede einzelne auf der Festplatte. Die Zusammenfassung eines Agenten ist kein Beleg. Die gespeicherte Datei ist es.
- Die These. Hier hält der Skill einmal an und fragt bei mir nach: Das ist die Behauptung, das hat die Evidenz aus ihr gemacht, diese Grafiken sind geplant. Das ist die eine Entscheidung, die alles Weitere entwerten kann, also ist sie eine Unterbrechung wert.
- Entwurf. Zuerst der Text, mit den Quellenangaben schon beim Schreiben, dann die Grafiken.
- Korrektorat und Faktencheck. Skripte prüfen, dass jede Fußnote eine Quelle hat, dass jedes Zitat tatsächlich in den gespeicherten Quelldateien steht, dass jeder Link funktioniert und dass die Seite gebaut wird. Jede Grafik wird per Screenshot geprüft und mit ihrer eigenen Datentabelle abgeglichen.
- Fotos. Nur von Wikimedia Commons. Ein Skript liest die Lizenz aus und lehnt alles ab, was nicht auch kommerziell frei nutzbar ist: kein “nicht kommerziell”, kein “keine Bearbeitung”, kein “Fair Use”. Es gibt den fertigen Bildnachweis aus, und Hugo skaliert das Bild beim Build.
- Die deutsche Ausgabe. Ein zweiter Skill,
translate-article, schreibt die deutsche Fassung, mit eigenem Stilhandbuch und einem Glossar fester Begriffe. Ein Prüfskript vergleicht beide Ausgaben Absatz für Absatz. Ändere ich später das Englische, gilt das Deutsche als veraltet, und ein git-Hook verweigert den Commit, bis beide wieder übereinstimmen.
Schritt 3: wieder der Redakteur
Dann bin ich dran. Ich lese die englische und die deutsche Fassung. Ich klicke mich durch die Quellen und prüfe, ob sie sagen, was der Artikel behauptet. Ich kürze, was zu lang ist. Dann setze ich draft = false, committe und pushe.
Dieser Schritt ist keine Formsache. Von den 54 bisher geschriebenen Geschichten sind drei online. Die anderen 51 warten darauf, dass ich sie lese. Der Engpass hat sich vom Schreiben zum Lesen verschoben, und das ist gewollt.
Effizienzgewinn 1: Recherche und Schreiben
Das ist der große Hebel. Für eine solche Geschichte hätte eine Journalistin früher Tage gebraucht, oft Wochen. Zwei Dutzend Quellen heißt: zwei Dutzend Studien, Tabellen und Dokumente finden, lesen und gegeneinander prüfen.
Die Pipeline macht das auf einem Niveau, das ich nicht erwartet hätte. Sie geht an die Primärquelle, nicht an die Pressemitteilung: das Umweltgutachten der US-Luftfahrtbehörde FAA zu den Starship-Starts, die Statistik der Stockholmer Wohnungswarteschlange selbst, der Bericht von Mengers Sohn auf Grundlage der Familienpapiere. Sie rechnet selbst nach und sagt das auch im Text.
Und die Ergebnisse sind wirklich spannend. Ich wusste nicht, dass nach dem Berliner Mietendeckel die Zahl der Wohnungsanzeigen binnen Wochen um mehr als die Hälfte gesunken ist. Ich wusste nicht, dass ein Starship-Start so viel CO2 ausstößt wie sechzehn Transatlantikflüge, nicht wie sechzehntausend. Wenn ich meine eigene Zeitung lese, lerne ich in jeder Geschichte etwas.
Ist die Idee gut formuliert, schreibt die Pipeline den Artikel mühelos. Die Artikel lesen sich überraschend gut.
Effizienzgewinn 2: Layout kostet praktisch nichts mehr
Wer eine Website betreibt, kennt das. Der Inhalt ist der eine Kostenblock. Der andere ist alles drumherum: Templates, CSS, Suche, Sprachen, URLs. Jede Änderung hieß früher: ein Entwickler, ein Ticket und ein paar Tage Arbeit.
Bei The Prosperitist sind diese Kosten praktisch verschwunden. In sechs Wochen entstand, komplett über Claude Code und ohne fertiges Theme:
- Ein komplettes Zeitungsdesign. Eigene Templates, eine einzige CSS-Datei, ein gelb-schwarz-weißes Erscheinungsbild, selbst gehostete Schriften und ein Dark Mode.
- Eine Volltextsuche, die im Browser läuft, ganz ohne externen Dienst.
- Ein Fußnotensystem mit eigenem Lint, damit keine Quelle stillschweigend verschwindet.
- Eine zweite Sprache. Die deutsche Ausgabe ging am 25. September online, mit deutschen URLs (
/de/technik/), übersetzten Menüs, deutschen Datumsformaten und einem eigenen Suchindex. Das ganze Archiv, damals 58 Geschichten, wurde am selben Tag übersetzt. - Umbauten. Alle Geschichten zogen aus einer flachen Liste in Themenrubriken um, mit Weiterleitungen von den alten URLs. Eine Woche später wurden die Rubriken noch einmal neu geschnitten.
- Werkzeuge. Skripte, die Quellenangaben, Zitate, Links, Übersetzungen und Grafikbeschriftungen prüfen, dazu neun Testdateien.
Eine Sprache hinzuzufügen war früher ein Projekt. Hier war es ein Gespräch und ein Tag.
Das technische Setup
Markdown hält die Welt am Laufen
Hugo baut die Website aus einfachen Markdown-Dateien mit ein paar Zeilen Front Matter. Das ist die wichtigste Entscheidung im ganzen Setup.
Claude liest und schreibt Markdown so selbstverständlich wie Englisch. So durchsucht Claude das ganze Archiv in einer Sekunde, vergleicht die englische und die deutsche Datei nebeneinander, findet eine Beinahe-Dublette oder behebt denselben Fehler in 54 Geschichten auf einmal. Die Grafiken sind SVG direkt im Markdown, also ebenfalls Text.
Es gibt kein CMS, keine Datenbank, keine Admin-Oberfläche und keine API, die man lernen müsste. Alles, was die Zeitung ausmacht, liegt in einem git-Repository, das Menschen und Maschinen gleichermaßen lesen können.
Claude Code: eine CLAUDE.md und zwei Skills
Zwei Arten von Markdown-Dateien erledigen den Rest:
- CLAUDE.md ist das Handbuch der Zeitung: Hausstil, welche Quellen wie zitiert werden, Regeln für Grafiken und vor allem jede Falle, die schon einmal zugeschnappt ist. Geht etwas schief, kommt die Lehre daraus in die Datei, damit ich nicht zweimal dafür bezahle. Nach sechs Wochen hat die Datei über 2.000 Zeilen.
- Skills sind die Arbeitsabläufe.
write-new-articlelegt die Reihenfolge für eine neue Geschichte fest.translate-articleerstellt die deutsche Ausgabe.
Die Schnittstelle ist schlicht Claude plus git. Ich beschreibe im Terminal, was ich will. Das Ergebnis sind geänderte Dateien, die ich lesen, vergleichen und zurückdrehen kann. Kein Admin-Panel, keine Plugins, kein Dashboard.
Push-to-Deploy
Das Deployment ist ein git push dokku main. Ein Dockerfile lädt Hugo, baut die Website und übergibt die statischen Dateien an nginx, auf einem dokku-Server bei Hetzner. Ein Rollback ist der Push eines älteren Commits.
Zwei Sicherheitsnetze liegen auf dem Weg. Ein git-Hook verweigert den Commit, solange eine deutsche Ausgabe nicht zu ihrem englischen Original passt. Und der Build schlägt fehl, wenn auf irgendeiner Seite noch ein Platzhalter steht.
Die aktuellen Grenzen der KI
Die Effizienzgewinne sind enorm, aber das Ergebnis ist noch keine fertige Arbeit. Drei Dinge brauchen jedes Mal einen Menschen.
Lange, sperrige Sätze
Claude mag lange Sätze und eine Handvoll Angewohnheiten. Die ersten Entwürfe hatten im Schnitt 22 Gedankenstriche pro Geschichte, insgesamt 1.130. Dazu kommen die Muster: “Es ist nicht X. Es ist Y.” Inszenierte Enthüllungen wie “Hier ist der Haken, und es ist ein echter”. Verstärker wie “ehrlich gesagt” und “wirklich”. Eine Pointe am Ende jedes Absatzes.
Ende September bekam jeder Entwurf in beiden Sprachen eine Überarbeitung in einfacher Sprache, und die Regeln stehen jetzt in der CLAUDE.md. Das hilft. Das Lesen ersetzt es nicht. Ich lese weiterhin jeden Satz, bevor eine Geschichte online geht.
Die Übersetzung ins Deutsche ist alles andere als perfekt
Die deutsche Ausgabe besteht eine lange Liste automatischer Prüfungen: dieselben Absätze, dieselben Fußnoten, dieselben Zahlen, die Regeln für Zitate. Aber korrekt ist noch lange nicht flüssig.
Die deutsche Fassung von Sechs Stunden Luftfahrt hat jede Prüfung bestanden und dazu die Durchsicht eines zweiten Agenten. Für mich als Muttersprachler las sie sich trotzdem holprig. Es brauchte eine reine Überarbeitung des Textes und einen zweiten Leser, der den Auftrag hatte, wie ein deutscher Zeitungsredakteur zu lesen. Das Deutsche braucht weiterhin einen sorgfältigen Blick von einem Muttersprachler. Jedes Mal.
Zu lang, und ein erster Entwurf ist nicht die Wahrheit
Die Artikel sind gut, aber lang. Eine typische Geschichte hat etwa 3.000 Wörter, und Neun Jahre für eine Wohnung ist eine Lektüre von 35 Minuten. Eine Stilüberarbeitung ändert daran wenig: Die Überarbeitung aller Entwürfe in einfacher Sprache hat nur etwa 3 % der Wörter gestrichen. Kürzen heißt entscheiden, welcher Abschnitt wegfällt, und das ist eine redaktionelle Entscheidung.
Dasselbe gilt für Fakten. Die Pipeline prüft sich selbst, und die Prüfungen fangen viel ab. Die Übersetzung des Archivs ins Deutsche wurde zu einem zweiten Faktencheck der englischen Texte, und er fand in fast jeder Geschichte etwas: ein falsch zugeordnetes Zitat, eine Fußnote, die auf das falsche Dokument zeigt, eine Rechnung, die um zwei danebenlag. Aber auch der Befund eines Prüfers ist nur eine Hypothese. Mehrere erwiesen sich beim genaueren Hinsehen als falsch. Deshalb ist der letzte Schritt ein Mensch, der die Quellen liest.
Fazit
Ein Redakteur mit einer guten Pipeline schafft heute, wofür früher eine kleine Redaktion nötig war. Recherche und Schreiben kosten einen Bruchteil dessen, was sie einmal gekostet haben. Layout und Technik kosten praktisch nichts. Für den Menschen bleibt der Teil, der ohnehin menschlich bleiben sollte: die Ideen auswählen, das Ergebnis lesen und mit dem eigenen Namen dafür einstehen.
In meinem Beitrag von 2023 habe ich vorhergesagt, dass sich die Arbeit von Journalisten verschiebt, “von einfachem ‘den Text schreiben’ - zu ‘am Text arbeiten’ - gemeinsam mit der KI”. Genau so sieht meine Arbeit bei The Prosperitist heute aus.
Das Setup ist bewusst langweilig: Markdown, Hugo, git, ein Handbuch und zwei Skills. Wenn Sie das für Ihren eigenen Blog oder Ihr Unternehmen ausprobieren wollen, fangen Sie mit dem Handbuch an. Schreiben Sie jeden Fehler, den die KI macht, einmal auf. Nach ein paar Wochen ist diese Datei der wertvollste Teil des Projekts.
Mehr
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- Bild oben: die Titelseite von The Prosperitist
